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Die Organisation des Zusammenlebens im Kirchspiel Löwenstein

Bis zum 19. Jahrhundert wurde die dörfliche Ordnung aufrecht erhalten durch:

  • die Schulzen (2 aus jedem Dorf)
  • die Dorfgeschworenen
  • den Pfarrer
  • die Kirchenvorsteher (3 aus jedem Dorf)

Aufgaben der Schulzen und der Dorfgeschworenen

Die Schulzen waren für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung zuständig. Dazu gehörten: Einziehung der Steuern, Organisation der 3-Felder-Wirtschaft, Bestrafung für kleinere Vergehen, Einteilung der Dorfschaft für gemeinsame Arbeiten, wie z.B. Pflege und Instandsetzung der Zäune, sowie alle Korrespondenz mit den Behörden. Unterstützt wurden sie dabei von den gewählten Dorfgeschworenen.

Die Steuereinnahmen wurden genau kontrolliert, wie ein Schreiben von "Friedrich, König in Preußen" (Friedrich d. Großen) an das Angerburgische Justiz Collegium vom 13. Dezember 1754 beweist (unterschrieben von v. Lesgewang, v. Rhod, v. Tettau). Dort heißt es, dass in der Löwensteiner Armenkasse ein Fehlbetrag (im Original 'Manquement') von 20 Mark, 50 Groschen und 12 Pfennig sei. Schuld soll der Schulz Trosien sein, der

"unordentlich mit denen Geldern der dortigen Armen=Casse gebahret hat" i

Er soll das Geld ersetzen.

Eine Maßnahme zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung bestand darin, dass Schulz Trosien am 2. Dezember 1733 wegen

"...übermaechter Boßheit der bösen Jugend ein Halß Eysen, an der Thür des Kirch=Hoffs nach der Schmiede zu [setzte]" ii

Die Einteilung für gemeinsam zu bewältigende Arbeiten - hier Pflege und Instandsetzung der Zäune - wurde in namentlichen Listen veröffentlicht mit der Bezeichnung, für welche Abschnitte der Zäune wer zuständig war. Dadurch war es möglich, jede Nachlässigkeit dem jeweiligen Übeltäter zuzuordnen. Es folgt die Liste des Jahres 1724:

"Die Zäune um den Schulgarten gehören vom Haus bis zum Fluss den Kröligheimern (mit Rücken zu fertigen); vom Kirchhof in Richtung Schmiede bis an die K.schen Zäune gehören den Löwensteinern. Zäune am Pfarrgarten den Kröligheimern. Der Zaun vom Backhaus bis an den Schweinestall von [...] samt einer Tür mit eisernen Bändern ist Anno 1684 von den K. gemacht worden. Der Rhein-Zaun nach Volckmanns Garten hin, von der Straß an [....], die Länge und durchs Feld bis an Rehbergs Rein-Zaun,

Löwensteiner Zäune am Pfarrgarten: Martin Preiß, Peter Bluhmenau, Hans Reimer, Schulz, Johann Trosien, Schulz, Jacob und Ertmann Briese wegen der wüsten Huben, Christoph Schiemann, Georg Meybaum, Krüger, Johann Rehberg, Christoph Volckmann, Wilhelm Strauß, Johann Brieß der alte, Johann Brieß der jüngere, Christoph Zachau ex angulo, Johann Blumenau a monte, Peter Zachau, Johan Pahlcke, Jacob Briese, Ertmann Briese, Martin Behrend;  hier zwischen das Tor und die Pforte machet das ganze Dorf zusammen, von der Pforte bis ans Mangelhaus Christoph Schönborn, jenseits vom Mangelhaus Christoph Quandt, Christian Quand.

Zäune am Kirchhof der Kröligheimer vom Schulgarten: Martin Matz, Martin Borchert, Peter Borchert, Michael Kößling, Mertin Quand, Michael Blumnau, Andres Schulz, Peter Nitzsch caupona, Christoph Bierfreund, Simon Packhäuser Schulz, Michel Schultz, Masuhr

Zäune am Kirchhof der Kröligheimer: Jacob Borchert, Georg Kößling, Paul Nitsch, zwei kurze Stücke von 3 Pfählen die ganze Gemeinde seit 1683.

Zäune am Kirchhof der Löwensteiner: Johann Pohl, Johann Bluhmenau (das Türchen noch Behnfeld), Christoph Zachau, Michel Brieß, Jacob Brieß, Martin Schönborn, Martin Behrend, Christoph Quand, Mertin Preiß, Peter Bluhmenau, Johann Reimer, Schulz, die Tür nach der Schmiede hat Anno 77 der Krüger machen lassen, das gegenüber Hans Grape seel., Johann Trosien Schulz, von den 2 Flötischen Huben, Christoph Schiemann, der Krüger, Johann Rehberg, Christoph Volckmann, Wilhelm Strauß, Johann Brieß, Johann Brieß der jüngere, Martin Zachau ex angulo, 2 Stück, ein langes und ein kurzes die ganze Gemeine. Hier fangen die K. Zäune wieder an wie zuvor aufgesetzt, nämlich rückwärts." iii

Der Pfarrer und die Kirchenvorsteher

Der Pfarrer war die oberste dörfliche Instanz für alles, was Kirche, Schule und Moral betraf. Er erhielt außer einem Geldbetrag eine Anzahl von Hufen (in Löwenstein 4) zur eigenen Bewirtschaftung oder Verpachtung und dazu freie Wohnung im Pfarrhaus und eine bestimmte Menge an Brennholz. Außer dem Pfarrhaus gab es noch die Widdem, das Pfarrwitwenhaus. Wenn keine Witwe zu versorgen war, wurde die Widdem von der Kanzel aus öffentlich aufgeboten und am Tag drauf für jeweils 3 Jahre  dem Meistbietendem zugesprochen. iv Falls während der Mietzeit der Pfarrer sterben sollte und also eine Witwe zzu versorgen war, musste der jeweilige Mieter ausziehen. Der Pfarrwitwe stand außer Wohnung und Holz eine jähliche Summevon (1739) 50 Gulden zu, wovon die eine Hälfte von der Kirche, die andere von der Gemeinde zu zahlen war. v

1712/1713 gab es gleichzeitig sogar 2 Pfarrwitwen (Hippel und Decker), was zur Folge hatte, dass Pfarrer und Schulzen gemeinsam eine Eingabe an den König richteten, dass sie nicht 2 Witwen versorgen könnten. Nach längerem Briefwechsel wies der König das Justiz-Collegium an, einen Zuschuss zu zahlen, da jedes Kirchspiel nur für eine Pfarrwitwe aufkommen müsse. vi

Das Verhältnis zwischen Pfarrer, Schulzen und der übrigen Bevölkerung war im allgemeinen gut, bedingt schon dadurch, dass man aufeinander angewiesen war. Dennoch kam es einige Male zum Streit, ein besonders heftiger entstand in den Jahren 1744/46 zwischen dem Pfarrer Christoph Albert Stein auf der einen und dem Organisten Melchior Dietrich Stüvaeus und der vereinten Löwensteiner und Kröligheimer Dorfschaft auf der anderen Seite. Stein war zu dem Zeitpunkt seit 5 Jahren, Stüwaeus seit 30 Jahren in Löwenstein. Stein beschwerte sich beim König über Stüwaeus, weil dieser ohne seine Erlaubnis für Wochen nach Danzig gereist und außerdem dem Trunk ergeben sei. Daraufhin verfasste die Dorfschaft eine Ehrenerklärung für den Organisten, und als das alleine nichts zu nützen schien, eine Anklageschrift gegen den Pfarrer, die in 13 bitterbösen Punkten mit der Amtsführung und der Behandlung der Dorfbewohner durch den Pfarrer ins Gericht gingen. Das Samländische Consistorium als landesherrliche Kirchenbehörde entschied am 16. Juni 1745, dass die Denunzianten dem Pfarrer Abbitte leisten  und 14 Mark, 60 Groschen an Gebühren zahlen mussten. Der Pfarrer wurde ernsthaft ermahnt und wurde 1746 als Diakon nach Pr. Eylau versetzt. Der Organist Stüwaeus musste aus Löwenstein Wegziehen und durfte unter Androhung der Verlegung ins Zuchthaus nicht wieder zurückkommen. vii

Die Machtstellung des Pfarrers war, wie daran zu ersehen ist, gefestigt. Er kannte jeden im Dorf, unabhängig von der Religionszugehörigkeit, er schrieb alle Geburten, alle Ehepaare und alle Verstorbenen in das Kirchenbuch, ahnte oder wusste, wer der Vater eines unehelichen Kindes war, zählte die Monate zwischen Heirat der Eltern und Geburt des Kindes und schrieb bei nicht ausreichender Anzahl der Monate in den Taufeintrag 'Frühvater'. In der Kirche saß die Gemeinde nach Frauen- und Mannsständen getrennt, jeder hatte seinen angestammten Platz und der Pfarrer hatte keine Mühe, die eventuell fehlenden Schäfchen zu bestimmen. Hier, auch aus dem Jahr 1724, die namentliche Aufstellung.

"Consignation der Frauen Stände:

  • Die Frau Pfarrer mit ihrem Gesinde
  • Reimers und Trosienen beide Schulzen
  • Schulz Meybaum und Jacob Briese
  • Nitschin, Schiemann Johann Briese
  • Behrents und Grappen
  • Johann Borchert und Jacob Borchert item Nitschen
  • Baltzigs, Straußen, Rehbergs und Wolfen
  • Pahlken, Johann Blumenauen und Michel Bluhmenauens
  • Schönborn, Peter Nitschen und Kößlings item Christoph Quanten
  • Ertmann Briesen ambo Zachauen
  • Johann Brieß, Peter Borchert und Bierfreund
  • Masuren und Kößling
  • Peter Blumenauen und Christian Quandten
  • Christian Volckmann, Miche Schultz und Christoph Warsun
  • der Gärtner

Löwensteiner Mannstände:

Peter SchiemannMertin BehrendMartin HeinChristoph Quandt
Christoph GrappeJohann BluhmenauPeter NacoschowskiJohann Rehberg
Michel SchultzMertin SchönbornChristoph Schiemann 
Martin QuandtErtmann BrieseChristian Quandt 
NitschenGeorge StraußenChristoph Zachau 
VolckmannsJohann PahlckeMartin Preiß 
Christoph ZachauenJacob BrießJohann Brieß 

 

Kröligheimer Mannstände:

Christoph WorsinMichael Kößling
Michael NitschJacob Borchert
Andreas SchultzPeter Nitsch
Peter BorchertMichael Bluhmenau

 

Auf diesseits der Cantzel nach der Sacristei:

  • George Kößling
  • Johann Borchert
  • Christoph Masuhr
  • Christoph Bierfreund
  • Greger Baltzig
  • Peter Nitsch" viii

Die letzten 6 Männer scheinen in dieser Zeit Kirchenvorsteher gewesen zu sein. Greger Baltzig war gleichzeitig auch Schulz in Kröligheim. Das hielt ihn aber nicht ab, sich schriftlich zu beklagen, dass der Pfarrer Hippel von der Kanzel gesagt habe, die Kröligheimer seien Diebe. ix

Andererseits hatte der Pfarrer auch seine lieb Not mit seinen teils ungebärdigen Schäfchen:

"Ich habe zwar, wie oben erinnert, die Catechismus=Übung a dom. Cantate 1730 nach der rechten Predigt zu treiben angefangen; aber weil ich hernachgehends Leyder! innen wurde, wie alles junge Volck, vorauß das unbändige Krölckheimsche vom Chor, wann ich von der Cantzel in die Dreß.Kammer ging, auß der Kirchen lief, auch mein beweglich nöthigen, zurückrufen, vermahnen, Tür zuschließen nicht helfen wollte, so müßte mich mit Gott entschließen, die Kirchen=Lehr vor dem Glaubens-Gesang u. vor der Predikt zu treiben  - Sommers 1 Stunde - winters ¾ tel von der Stunde lang. Ob dieses gleich eine schwere Arbeit, so muß doch Gott auff unser Gebeth, Krafft, Stärck u. Seegen dazu geben. Den Anfang habe ich gemacht Michaelis 1730" x

Drei Jahre davor, am 21. November 1727, begleitete Pfarrer Hippel die junge Catharina Helmig, die ihr 'in Unzucht' gezeugtes Kind gleich nach der Geburt getötet Hatte, auf ihrem Weg zum Rastenburger Oberteich, wo sie "gesäufet" wurde. xi

Zu den Kirchenvorstehern, auch Kirchenväter genannt, wurden besonders geachtete Männer gewählt. Sie waren für die Verwaltung der Kirchenkasse zuständig und bürgten für die richtige Abrechnung der Ein- und Ausgaben. An Einnahmen gab es u.a. den Bekannten Kirchenzehnten,  dazu kamen Gebühren für Taufen, Heiraten, für das Läuten der Glocken und die Benutzung des Grabtuchs bei Beerdigungen, Kirchenstrafen (z.B. wegen Verstoßes gegen das 6. Gebot) und Zinsen für verliehenes Geld. Zu den Ausgaben zählten die Besoldung des Pfarrers, des Kantors, des Glöckners, der Kauf von Oblaten und Wein für das Abendmahl und als größerer Posten die Reparaturen an der Kirche und am Witwenhaus. xii

Am 13. juli 1763 schrieben Michael Jacob Ribbach, Pfarrer in Löwenstein, und die beiden Kirchenväter Peter Schiemann und Michael Briese an den König (Friedrich d. Großen), dass sie das bei der Bartener Kirche stehende ausgeliehene Geld (46 Reichstaler) zurückfordern, weil am 12. Mai 1763 ein starkes Ungewitter den Turm der Kirche in Löwenstein beschädigt habe und einer Reparatur bedürfe. Das Ansinnen wurde abgelehnt. Die Löwensteiner sollten warten, bis die Bartener genug Geld hätten, um es in einer Summe oder auch in Raten zurückzahlen zu können. Sie (die Löwensteiner) hätten genug Geld. xiii

 

Die Versorgung der Dorfarmen

Da die Einnahmen aus den Kollekten nicht zur Versorgung der Dorfarmen ausreichte, hatte König Friedrich Wilhelm I. 1715 ein Edikt erlassen, dass an jedem 1. Sonntag im Monat ein lokaler Beamter von Haus zu Haus gehen sollte, um für die Armenkasse zu sammeln. Dieses sollte keine neue Steuer sein, sondern jeder sollte nach seinem Vermögen geben. Diese namentlichen Listen sollten jährlich abgeliefert werden. xiv

In den Dörfern blieb diese Aufgabe bei den Schulzen. Auf den Listen, die für Löwenstein 1724 beginnen, sind auf einem Blatt die Geber namentlich mit dem gespendeten Betrag (zwischen 1 und 9 Groschen monatlich) verzeichnet und auf einem weiteren die Empfänger (zwischen 6 und 18 Groschen monatlich - möglicherweise je nachdem, ob es sich um eine Einzelperson oder eine familie handelte). Auf einem der Empfängerblätter, leider ohne Jahresangabe, erhielten 8 Kinder je 1 Groschen Zuschuss für ein Schulbuch.

Für durchziehende Bettler, Waisen ohne Verwandtschaft und sonstige Arme diente die Brachstube (in der das Leinen gebrochen wurde) als Unterkunft.


Fußnoten:

  1. EM, 119d; Nr. 621
  2. Hippel, S. 25 links
  3. EM, 119d; Nr. 614
  4. EM, 119d; Nr. 538
  5. EM, 119d; Nr. 580
  6. EM, 119d; Nr.581
  7. EM, 119d; Nr. 564
  8. EM, 119d; Nr. 614
  9. EM, 119d; Nr. 614
  10. Hippel, S. 24 rechts
  11. Hippel, S. 23 rechts
  12. Kirche im Dorf, S. 141ff
  13. EM, 119d; Nr. 624
  14. Kirche im Dorf, S. 150ff
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