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Das Kurfürstentum Brandenburg-Preußen 1618 bis 1701

1618 starb der regierungsunfähige Sohn Herzog Albrechts und die Regierung ging über auf Kurfürst Johann Sigismund von (jetzt) Brandenburg-Preußen, verheiratet mit Anna von Preußen, einer Tochter des "blöden" Herrn.

Bei jedem Herrscherwechsel musten die Untertanen ihrem neuen Herrscher den Erbhuldigungseid erneut leisten. Zu diesen zum Eid verpflichteten Untertanen gehörten allerdings nur der Adel, die großen und kleinen Freien, die Köllmer, Schulzen, Krüger und Vertreter der Städte. Man bezeichnete sie als "Stände". Sie alle mussten an einem festgelegten Tag im Schlosshof in Königsberg erscheinen und in bestimmter Reihenfolge - es wurde genauestens Protokoll geführt! - vor dem Kurfürsten ihren Eid ablegen (Die leider nicht vollständigen Listen existieren ab Beginn der Herzogszeit 1525). Der Tag begann mit einem feierlichen Festgottesdienst und endete mit einem großen Feuerwerk.

Herrscherwechsel gab es diesen Jahren genügend! 1618 Johann Sigismund; 1619 Georg Wilhelm; 1640 Friedrich Wilhelm (der Große Kurfürst)

Der 30-jährige Krieg hatte inzwischen begonnen. Preußen - d.h. Ostpreußen - blieb davon insoweit verschont, als es kein Kriegsschauplatz war, aber es war jetzt Teil Brandenburgs und haupsächlich seine Bauern mussten ebenso wie die Bauern Brandenburgs das Geld für die Armee aufbringen, denn der Adel war damals noch von so plebejischen Dingen wie das Zahlen von Steuern befreit. Und da der Krieg sich in die Länge zog, musste immer mehr Geld bereitgestellt werden, Geld, das eigentlich gar nicht mehr aufgetrieben werden konnte. Das Land, das von dem Ertrag seiner Bauern lebte, verarmte. Neue Armeen mussten ausgehoben werden, auch die jungen Männer Ostpreußens wurden rekrutiert, und so kann man eigentlich nicht davon sprechen, dass der 30-jährige Krieg es nicht berührte. Außerdem zogen schwedische Truppen durch das Land und nahmen, was sie brauchten (Schweden besaß seit vielen Jahren große Teile Pommerns). Trotzdem: Man war noch einmal gerade so davongekommen!

Aber der Westfälische Friede von 1648 hatte zwischen Schweden und Polen keinen Frieden gestiftet. Als 1654 die schwedische Königin Christine, eine Cousine des Großen Kurfürsten, abdankte, beanspruchte der polnische König Johann Casimir, der aus dem Hause Wasa stammte, die Krone für sich - auf der anderen Seite wollte der Pfalzgraf von Zweibrücken, der schon als König Karl X. Gustav von Schweden amtierende Nachfolger Christines, vor allem die polnischen Ostseehäfen haben, weil diese guten Gewinn an Zöllen brachten. Es braute sich dort etwas zusammen, was den Großen Kurfürsten alarmierte. Eine neue Armee musste her und dafür zunächst einmal wieder mehr Geld. Trotz der Proteste der preußischen Stände wurde ein stehendes Heer und eine einheitliche Heeresverwaltung, die von den jeweiligen örtlichen Regierungsstellen und ihrer Steuer- und Finanzhoheit unabhängig war, aufgebaut. Das, was später als "typisch preußisch" bezeichnet wurde, entstand mit dieser geradezu modernen Organisation und unter heftiger Gegenwehr der preußischen Stände. i

1655 begann der 2. schwedisch-polnische Krieg. Zunächst, um den zaudernden Kurfürsten für ein Bündnis mit sich gefügig zu machen, ließ der schwedische König von seinem Hautquartier in Schippenbeil bei Rastenburg aus seine polnischen Söldner das Land ein wenig verwüsten. Der Kurfürst wurde gefügig und ging ein Bündnis mit dem schwedischen König ein unter der Bedingung, dass er danach die volle Souverinität über Preußen erhalten würde. In der Schlacht bei Warschau 1656 besiegten sie gemeinsam die Polen. Die aber setzten den sich heimwärts bewegenden Truppen nach, besiegten die Schweden bei Prostken am Lyckfluss und wurden von denen wieder besiegt bei Filipowo. Im November 1656 erlangte der Kurfürst die Souverinität von Schwedens Gnade - das Bündnis zwischen ihnen war allerdings nicht von langer Dauer.

Nach dem Ende des Krieges hätte eigentlich Ruhe und Frieden einkehren können, aber nun wüteten im südlichen Teil Preußens herumstreifende Tatarenhorden, verstreute Hilfstruppen der Polen, raubten das Vieh, verwüsteten die Äcker, brannten die Häuser nieder, erschlugen unzählige Menschen und führten eine große Zahl von ihnen in die Sklaverei. Diese Überfälle fanden statt in der Zeit vom 8. bis 22. Oktober 1656, im November und Dezember 1656 und schließlich im Februar 1657 ein letztes mal. Noch vor dem letzten Einfall im Februar, am 25.1.1657 wurde von dem "Obrister Lieutnant undt Haubtmann Hanß George von Auer" eine Aufstellung über die Schäden im Amt Lyck angefertigt ii. Dort steht unter Neuendorf im Lyckschen Kirchspiel u.a.:

"Des Landtschöppen Friederich Feigen Krugk, mit allen Gebäuden gantz weggebrandt, biß uff eine Scheune, den Knecht niedergehauen, 1 Magdt und 3 Jungen genommen.

2 Huben Kaiena, ist nicht abgebrandt, ihn selbst erschlagen, sein Weib und 8 Personen weggetrieben, alles Vieh und Pferde wegk.

1 1/2 Huben Schlabutta ist ganz weggebrandt, 1 Sohn und 3 Töchter weggenommen, alles Viehe und Pferde wegk."

(APG 1985, S. 393-428)

Allein in diesem einen Dorf wurden bei einem Überfall 10 Menschen erschlagen und 96 weggetrieben, im gesamten Amt Lyck wurden 221 Menschen erschlagen und 2892 in die Sklaverei entführt, nur noch wenig Vieh und wenige unzerstörte Häuser waren vorhanden. Und der letzte Ansturm der Tataren stand noch bevor!

Aus dem Bericht von Georg Christoph Pisanski von 1764 iii

"Niemand aber hat das Unngemach empfindlicher fühlen können, als diejenigen Unglückseligen, welche das Joch der härtesten Sclaverey unter den Tartarn und Türken erdulden müßen...

So viel wird uns in schrifftlichen Nachrichten gemeldet, daß die in Preußen geraubeten Menschen mit Feßeln, Stricken und Pferdezäumen zusammen gekoppelt, und nach der Tartarey fortgetrieben sind. Auf dem weiten Weg durch Polen sind viele von Kummer, Kälte und den ungewohnten Drangsalen umgekommen; einige auch bey dem Übersetzen über Ströme ertrunken. Als sie in der Tartarey angelanget sind, hat man zuförderst diejenigen, besonders von Frauenspersonen, welche dem Tatar-Chan und seinen vornehmen Bedienten angestanden, für dieselben ausgesondert; die übrigen aber sind theils von ihren strengen Herren als Sclaven behalten; theils in Caffa und anderen Handelsplätzen der crimmischen Tartarey, auf den öffentlichen Märkten verkaufet, und bey dem kümmerlichen Lebensunterhalte auf den Galeeren und anderwärts zu der härtesten Arbeit gebrauchet worden. Fast alle haben auch unter derselben unterliegen müßen und ihr Ende gefunden.

Nur sehr wenigen ist das Glück wiederfahren, daß sie durch ein Lösegeld in Freyheit gesetzet worden, oder durch andere Zufälle, mehrentheils allererst nach vielen Jahren, Gelegenheit gefunden, in ihr Vaterland zurück zu kehren; unter denen der obgedachte Diaconus aus Bialla gewesen, welcher nach ein und dreißigjähriger Dienstbarkeit nach Preußen wiedergekommen ist. Weil man hier also auch wegen anderer in Ungewißheit bleiben mußte; so sind dadurcch insbesonderheit die zurückgebliebenen Ehegatten in Verlegenheit gerathen: in dem sie sich nicht anderweitig verheirathen können. Denn obgleich die Erlaubniß dazu vin vielen gesuchet ward; so haben die Cosistoria es doch nicht nachgegeben, sondern eine Zeit von dreißig Jahren festgesetzt, die Ankunft des abwesenden Theils abzuwarten."

Bei dem erwähnten Diacon aus Bialla handelt es sich um den Pfarrer Albrecht Zaborovius, der mit seiner Frau und zwei Kindern entführt wurde. Während man nie wieder etwas von der Frau und den Kindern hörte, gelang es dem Pfarrer 31 Jahre später mit Hilfe eines aus Binsen und Rohr gefertigten Bündel über einen Fluss zu schwimmen und sich nach Hause durchzuschlagen, wo große Hungersnot herrschte und die Überlebenden von einer Pestepedemie weiter dezimiert wurden.

Eines wurde 1657 aber doch erreicht: Polen entließ Preußen aus der Oberherrschaft. Das Land war jetzt unabhängig, lediglich für den Fall des Aussterbens der Hohenzollern blieb Polen das Heimfallrecht noch bis 1773, als der polnische Reichstag offiziell darauf verzichtete. iv Und wie sich auch der Kurfürst gefreut haben mag, die preußischen Untertanen waren darüber durchaus nicht alle glücklich"! Dem einfachen Volk war der Wechsel in der Lehnshoheit völlig gleichgültig, den Ständen aber durchaus nicht; denn wie wie die brandenburgische Herrschaft aussah, das hatten sie in den vergangenen Jahren nur zu bitter erfahren: Steuern und Abgaben mit genauester Erfassung! Ein ferner katholischer polnischer König war ihnen immer noch lieber als ein deutscher, noch dazu calvinistischer Kurfürst, der allen auf die Finger sah. v

Die Schweden waren von Ludwig XIV., der 1661 als 18-jähriger die Herrschaft in Frankreich angetreten hatte, in dessen 2. Eroberungskrieg veranlasst worden, in Brandenburg einzufallen, während er selber die brandenburgischen Truppen am Rhein festhielt. In Eilmärschen war der Kurfürst zurückgeeilt und hatte in der ruhmreichen Schlacht bei Fehrbellin 1675 die Schweden geschlagen. 3 Jahre später zahlte sich diese Heldentat aus. Die Schweden waren dieses mal mit 16 000 Mann in das nur von einer Bauernmiliz aus sog. Wibranzen notdürftig verteidigte Preußen eingefallen. Schon drohte die Einnahme Königsbergs durch die Schweden, da rückte im Januar 1679 der Kurfürst mit 9 000 Mann über das Eis des Frischen Haffs an und veranlasste nur allein durch seine drohende Ankunft die Schweden zum Rückzug vi. Mit diesem Winterfeldzug hatte sich der Große Kurfürst einen Platz im Herzen der Preußen erobert.

 

                 Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst.JPG      Luise Henriette von Oranien.JPG

 

                  Kurfürst Friedrich Wilhelm 1620-1688                                        Kurfürstin Luise Henriette 1627-1667

1688 starb der Große Kurfürst. Nachfolger wurde Friedrich III., der einzige überlebende Sohn aus der 1. Ehe mit Luise Henriette von Oranien.


Fußnoten

i Beuys, S. 171 und 172

ii APG 1985, S. 393-428

iii Mas. 6, S. 116 und 117

iv Schumacher, S. 174

v Beuys, S. 237

vi Schumann, S. 175 und 176

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