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Das Königreich Preußen 1701 bis 1871

Kurfürst Friedrich III., geboren 1657 in Königsberg, hatte eine gute Ausbildung bekommen und war vom Vater schon früh in die Regierungsgeschäfte eingewiesen worden. Er liebte höfisches Zeremoniell und barocke Pracht, ließ Schlösser und Kirchen bauen und verwandelte seine Residenz Berlin in das, was man von da an mit "Spree-Athen" bezeichnete. Der ostpreußische Adel ließ sich vom königlichen Glanz anstecken und baute sich prachtvolle Schlösser: Friedrichstein, Dönhoffstädt und Finckenstein entstanden, Schlobitten und das Königsberger Schloss wurden umgebaut.

Friedrich I. König in Preußen.jpg

Verheiratet war er mit seiner lebenslustigen, gebildeten Cousine Sophie Charlotte von Hannover, die Musiker, Maler und Wissenschaftler an ihren eleganten Hof in Charlottenburg zog. Mit dem Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz war sie befreundet und führte mit ihm intensive Gespräche. 

Die barocke Hofhaltung und die vielen Bauten verschlangen Unsummen an Geld, aber die die anderen Fürsten lebten auch meist so aufwendig und nach der Meinung der Zeit war man nur jemand, wenn man Prunk entfalten konnte und einen Rang hatte. Eine Königskrone war dazu am besten geeignet, aber noch existierte der gemeinsame "Überbau", das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und innerhalb dieses Reiches gab es - noch - keine Könige.¹

Königin Sophie Charlotte.png
  Da Preußen (Preußen ist hier immer noch identisch mit dem späteren Ostpreußen) jedoch nicht zum Reich gehörte, kam Friedrich III. die Idee, den Kaiser um die Anerkennung als König Preußens zu bitten. Er musste lange auf die Verwirklichung seines Traumes warten, aber schließlich war es so weit: Am 18. Januar 1701 krönte er sich in Königsberg zum König Friedrich I. in Preußen. Wochenlang war die Stadt am Pregel Mittelpunkt von Festlichkeiten. Die Zustimmung des Papstes ließ allerdings noch 87 Jahre auf sich warten. Der auf Preußen bezogene Titel "König in Preußen" verallgemeinerte sich bald und erreichte, was selbst der Große Kurfürst mit all seinen Siegen nicht erreicht hatte, dass die Untertanen aller verstreuter Besitztümer vom Rhein bis zur Memel sich als Untertanen des preußischen Königs fühlten. Preußen hieß jetzt das Königreich, und obgleich erst unter Friedrich dem Großen, seinem Enkel, dieses eigentliche Preußen zu Ostpreußen wurde, war das namengebende Land im Osten ab jetzt nur noch eine Provinz des Reiches.

 

König Friedrich Wilhelm I.jpg 1713 starb der erste preußische König und damit endete, wie sein Sohn und Nachfolger, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. sagte: "die dollste Wirtschaft von der Welt". Für die Provinz Ostpreußen war Friedrich Wilhelm I. von vielen damals wie heute wegen seiner Sammelleidenschaft für übergroße Männer als Soldaten für seine Garde belächelt, ein Segen. Das Land hatte 1709/10 unter einer furchtbaren Hungersnot mit darauf folgender Pest zu leiden gehabt, dazu war ein Viehsterben gekommen und alles zusammen hatte die Bevölkerung verarmen, die Wirtschaft fast zum Erliegen kommenlassen. Der Adel übte sich seit langem in Steuerhinterziehung, indem er seine Ländereien um viele Hektar kleiner angab als sie wirklich waren. Aber geprüft wurde dieses höchstens von Standesgenossen mit gleichen Interessen und so blieb die Haupt-Steuerlast bei den Bauern. Viele Bauernstellen aber waren verwaist, weil die Besitzer Opfer der Pest geworden waren - auf nur 440 000 schätzt man die Bevölkerung Preußens im Jahr 1713. Und obgleich Friedrich Wilhelm I. stöhnte: "Preußen ruiniert mich total, das frißt mir auf" i blieb das sog. Retablissement (die Anwerbung von Kolonisten und ihre Versorgung mit Land, die Wiederherstellung der Wirtschaft, die Beseitigung des ungerechten Steuersystems, Reformen der Verwaltung und der Rechtsprechung, Einführung der allgemeinen Schulpflicht) für den erst 25 Jahe alten König eine Aufgabe, die ihn bis zu seinem Tod 1740 nicht mehr losließ.

Bei der Huldigung in Königsberg 1714 lernte er seinen wichtigsten Helfer für diese Aufgabe kennen: Karl Heinrich Erbtruchsess und Graf zu Waldburg. Er ernannte ihn zum Präsideenten der obersten Steuerbehörde der Provinz und gleichzeitig zum Vorsitzenden einer Kommission, die unverzüglich mit den Reformen beginnen sollte. ii

Wie ein Patriarch verteilte Friedrich Wilhelm I. staatlichen Grund und Boden, der in Ostpreußen besonders umfangreich war, an Neusiedler aus Litauen, Polen, aus der französischen Schweiz, Nassau, der Pfalz, dem magdeburgisch-halberstädtischem Gebiet und nicht zuletzt aus Salzburg. Manche eingesessenen Bauern wurden wegen schlechter Bewirtschtung von ihren Höfen entfernt, um Neusiedlern die Chance zu geben, es besser zu machen. 1740, 27 Jahre später, beim Tod des Königs, schätzte man die Bevölkerung auf 600 000. Inzwischen war alles Land - auch das des Adels - neu vermessen worden, um die Grundsteuer gerecht einziehen zu können, eine Reihe neuer Städte, u.a. Ragnit, Nikolaiken und Gumbinnen, waren geründet worden, um den Absatz landwirtschaftlicher Produkte zu fördern, Kanäle waren gebaut, Flüsse schiffbar gemacht, Straßen verbessert worden und, wie unter dem biblischen Jakob, hatte man angefangen, in guten Jahren Getreide aufzukaufen, um die Preise in schlechten Jahren nicht ins unermessliche steigen zu lassen. Friedrich Wilhelm I. veranlasste die Bauern in Masuren, Leinen und Flachs anzubauen, weil er darin und in der Verarbeitung zu Garnen und Stoffen eine neue Einnahmequelle für die Bauern - und für seine Steuerbehörde - sah.

Außerdem hatte der "größte innere König" Ostpreußens den Grundstein gelegt für eine allgemeine Schulpflicht aller seiner Untertanen, indem er eine Stiftung mit 50 000 Talern anlegte, die ärmere Gemeinden beim Bau von Schulgebäuden unterstützen sollte. So wurden bis 1740 rund 1100 Schulen neu gebaut iii. Lehrer wurden - wie auch übrigens Pfarrer - in den Gemeinden, in denen auch Polen oder Litauer wohnten, nur eingestellt, wenn sie neben deutscch auch polnisch bzw. litauisch sprechen konnten. Der Unterricht in beiden Sprachen war eine sehr menschenfreundliche Methode, die bewirkte, dass alle Bevölkerungsteile sich sehr bald zu Ostpreußen gehörig fühlten.

Eine Eigenart des Soldatenkönigs war seine Abneigung, seine Soldaten in Kriegen zu opfern. Für das Land bedeutete dieses eine Atempause. EIne ganze Generation junger Männer wurde gedrillt, aber geschont, die Kassen des Staates waren gefüllt, und der, der nach ihm König wurde, Friedrich II., wäre wohl nicht als "der Große" in die Geschichtsbücher eingegangen, hätte er beim Tod seines Vaters nicht ein gutes Heer und volle Kassen vorgefunden. Er führte die Reformen seines Vaters zwar weiter, war aber bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 hauptsächlich mit Kriegsführung beschäftigt.

König Friedrich II., der Große.jpg

Nach dem Tod des Soldatenkönigs 1740 wurde sein Sohn Friedrich II. König von Preußen. Aus meiner Sicht tat er folgendes: zunächst nahm er den Österreichern Schlesien weg und verteidigte seinen schlesischen Raub in einem 7 Jahre dauernden Krieg gegen eine gewaltige Übermacht einer Koalition aus Österreich, Frankreich und Russland, danach ließ er sich mit Westpreußen belohnen und machte damit Preußen zu einer europäischen Großmacht.

Für Ostpreußen war der 3. Schlesische oder Siebenjährige Krieg (1756-1763) besonders bedeutsam. Nach der siegreichen Anfangsphase mit den drei berühmten, gewonnenen Schlachten von Roßbach 1757, Leuthen und Zorndorf 1758 konnte das preußische Heer sich nicht dauerhaft gegen die Übermacht wehren, das kleine Land die Verluste an Soldaten nicht mehr durch neue Truppenaushebungen ausgleichen.  Im Januar 1758 besetzte Russland das nur schwach verteidigte Ostpreußen und Königsberg wurde das erste mal  seit seiner Gründung von fremden Soldaten eingenommen. Vier Jahre lang gehörte die Provinz zum russischen Reich. Die Einwohner mussten der Zarin Elisabeth Petrowna, einer Tochter Peter des Großen, den Treueid leisten, hohe Kriegskontributionen zahlen,

die Besatzungsarmee ernähren. Die Wälder wurden systematisch abgeholzt, um Material für den russischen Flottenbau zu beschaffen. So verschwanden in dieser kurzen Zeit u.a. die Wälder der Kurischen Nehrung und die um Königsberg und Memel.

Während die letzten Jahre des Siebenjährigen Krieges aus dem draufgängerischen jungen König einen zäh und unerschütterlich mit der "Haltung eines Indianers am Marterpfahl" iv drei lange Jahre ums Überleben kämpfenden Friedrich machten, wurde ein unverhoffter Glücksfall, der Tod der Zarin Elisabeth Petrowna, die Rettung nicht nur für ihn, sondern für Ostpreußen; denn ihr Neffe und Nachfolger Zar Peter III., der Sohn aus der Ehe zwischen Karl Friedrich von Holstein-Gottorp und Anna Petrowna, einer weiteren Tochter Peter des Großen, war ein glühender Verehrer Friedrich II. Er schloss sofort Frieden mit Preußen und stellte die Rückgabe Ostpreußens in Aussicht. Der neue Zar wurde zwar nur wenige Monate später ermordet, aber die neue Zarin - seine keineswegs trauernde, daher möglicherweise am Mord beteiligte Witwe - Katharina II., später die Große genannt, geborene Sophia von Anhalt-Zerbst, hielt sich zum Glück für Ostpreußen an die Abnachungen und so wurde die Provinz schon im August 1762, einen Monat nach der Ermordung Peters III., wieder Teil des preußischen Staates.

1763 war der Krieg endgültig vorbei. Zum Glück sah niemand die Ereignisse der kommenden 5 Jahrzehnte voraus, dass in Frankreich eine Revolution die bestehende Gesellschaftsordnung komplett verändern würde, und der Sieger dieser Revolution, Napoleon, sich über Europa hermachen und es nach seinen Vorstellungen neu ordnen würde. Lange Kriegsjahre standen Europa, und Jahre der französischen Fremdherrschaft standen Teilen Europas bevor. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation würde nach jahrhundertelangem Koma schließlich 1806 endgültig sterben.

Bis 1786, dem Todesjahr des Großen Friedrich, vergingen die Jahre in Ostpreußen vergeichsweise friedllich. Friedrich war vorsichtiger geworden und die anderen europäischen Mächte ließen den großen alten Mann in Gottes Namen lieber in Ruhe v.  1772, bei der 1. Polnischen Teilung, erhielt Preußen Westpreußen, allerdings ohne Danzig und Thorn. Seitdem hieß im Gegensatz das alte prußische Preußen numehr offiziell Ostpreußen und hatte jetzt einen schönen abgerundeten Besitz. Und obgleich Friedrich nie wieder ostpreußischen Boden betrat - er soll der Provinzverwaltung die in seinen Augen zu schnelle Unterwerfung unter russische Herrschaft verübelt haben und einige Köpfe habe rollen lassen - wurde das Retablissement fortgesetzt, es wurden weiter Kolonisten angeworben, weiter Schulen gegründet, Lehrer eingestellt und - noch vor Frankreich! - wurde mit dem "Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten" ein umfassendes Gesetzbuch geschaffen, das allerdings erst nach Friedrichs Tod in Kraft trat.

König Friedrich Wilhelm II.jpg Nachfolger des großen alten Mannes war sein Neffe Friedrich Wilhelm II., der "dicke Willi" oder "der dicke Lüderjahn" genannt, dem man seine Mätressen und Nebenfrauen übelnahm.Im übrigen war es fast so, als sei sein Vorfahre, der erste König Preußens, der kunstliebende, verschwenderische Friedrich I. wieder auferstanden. Es begann eine Zeit der kulturellen Blüte mit einer großen Zahl bedeutender Talente: Goethe, Schiller, Hölderlin, Bethoven, Humboldt, Fichte sind nur die bekanntesten Größen in Preußen. Wenn es nach Friedrich Wilhelm II. gegangen wäre, hätte auch Mozart ein sorgenfreies  Leben Berlin haben können vi.

 Auch Ostpreußen hatte Anteil am Geistesleben: über die Grenzen hinaus berühmt waren

             Immanuel Kant                                          Johann Gottfried Herder                                   E.T.A. Hoffmann

 Immanuel Kant.png  Johann Gottfried Herder.png  E.T.A. Hoffmann.png

In die Regierungszeit Friedrich Wilhelm II. fielen die beiden weiteren polnischen Teilungen und brachten dem östlichen Teil des Landes 1793 die beiden wichtigen Städte Danzig und Thorn, das ganze Flussgebiet der Warthe - Großpolen und Kujavien - und das ersehnte Verbindungsstück zwischen Preußen und Schlesien, "Südpreußen" genannt, und 1795, bei der 3. Teilung, kam noch das Gebiet um Warschau dazu, sowie ein breiter Streifen östlich und südlich der alten Provinz, der den Namen "Neuostpreußen erhielt. Leider oder zum Glück, wie man will, hatte diese große Ausdehnung des preußischen Königreiches nur 12 Jahre Bestand.

Seit 1795 hatte sich Preußen von der Koalition mit Österreich gegen das revolutionäre Frankreicch in die Neutralität zurückgezogen. Trügerisch friedliche Jahre folgten. Mit 53 Jahren, 1797, starb der König und sein Sohn Friedrich Wilhelm III., Mustergatte der beliebten Königin Luise, bürgerlich, tugendhaft, aber entschlussschwach, wurde sein Nachfolger. Seine Kabinettsräte meinten von ihm, seine liebste Zeit wäre die Bedenkzeit vii. König Friedrich Wilhelm III und Königin Luise.png

Wir sind jetzt mitten in der Zeit, in der Napoleon nach und nach Europa eroberte. Frankreich mischte sich immer ungenierter in die inneren Angelegenheiten des neutralen Preußens ein, wogegen der preußische König sich weiter aus allem herauszuhalten suchte und das Volk dankte es ihm:

"Dass die 'aufgeklärte' preußische Regierung und der friedliebende König Friedrich Wilhelm III. in der allgemeinen Unruhe napoleonischer Kriege um jeden Preis den Frieden bewahrten, wurde in Ost- und Westpreußen überall mit Beifall begrüßt und als bestes Mittel zur Förderung des wahren Fortschritts gepriesen. Zudem ließ die weite Entfernung von Berlin das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Staatsganzen und den Blick für dessen außenpolitische Bedrohung zurücktreten vor dem Bewusstsein eines reichen Kulturlebens und eines behaglichen Wohlstandes im eigenen Lande, weitab von den Kriegsschauplätzen Europas." viii

Mit anderen Worten, man lebte friedlich dort im Osten, ließ Napoleon wirken und hoffte, man würde sich aus alldem heraushalten können. Leider funktionierte das nicht.

Im Spätsommer 1806 entschloss sich Friedrich Wilhelm III. wegen der andauernden Einmischungen Frankreichs dann doch zum Handeln: Er ordnete die Mobilmachung des immer noch gefürchteten preußischen Heeres an und stellte Napoleon das Ultimatum, alle französischen Truppen hätten bis zum 9.10.1806 die deutschen Gebiete rechts des Rheins zu verlassen, worauf Napoleon mit einem Angriff reagierte. Im fernen Ostpreußen wiegte man sich im Vertrauen auf das seit "ewigen" Zeiten siegreiche Heer noch immer in Sicherheit. Der große Schreck kam nach der Katastrophe der Schlacht von Jena, die am 14.10.1806 verloren wurde, von der man in Königsberg aber erst am 13.11. erfuhr. Die glorreiche preußische Armee war geschlagen worden!

Die Franzosen zogen in Richtung Ostpreußen, gelangten am 31.12. nach Willenberg und am 2.2.1807 nach Allenstein, das kräftig geplündert wurde. Jeder Einwohner musste Vorspann liefern und die hierzu nötigen Wagen und Schlitten hergeben. "Und hat keiner von den Bürgern weder Wagen noch Schlitten noch Pferde zurückbekommen". ix In Allenstein wäre Napoleon beinahe das Opfer eines Attentats geworden wäre, als nämlich

"ein preußischer Jäger, namens Rydziewski [stieg] auf das Dach des ältesten Hauses am Markte. In der Dachrinne stehend spannte er seine scharfgeladene Büchse und legte auf den Kaiser an. Aber einige Bürger, welche die sofortige vollständige Zerstörung der Stadt durch die wütenden Franzosen fürchteten, waren dem Rydziewski nachgeeilt und hielten seinen Arm mit Gewalt zurück". x

Am 8.2.1807 traf er bei Preußisch Eylau auf preußische und russische Truppen. Dort fand die erste Schlacht statt, die Napoleon verlor, was ihn vorerst am weiteren Vordringen hinderte. Er musste in Ostpreußen überwintern, u.a. mit der schönen Gräfin Maria Colonna-Walewska im Schloss Finckenstein und 40 Tage lang, vom 21.2.-1.4. in Osterode, wo er in Ruhe die Ergänzung und Reorganisation seiner geschwächten Armee vornahm. Das damals kaum 1500 Einwohner zählende Städtchen wurde für wenige Wochen zum "Mittelpunkt der Weltgeschichte", von dem aus Napoleon sein gewaltiges Reich regierte. Quartier nahm er im Ordensschloss, von wo er einen schönen Blick auf die Drewenz hatte. Der dort von Napoleon bewohnte Raum war später die Speisekammer der Frau Landrätin. xi

Zu einer Schlacht, wie sie geplant war, kam es aber nicht in Osterode, sondern bei Friedland, wo das russische Heer so vernichtend geschlagen wurde, dass Zar Alexander sich entmutigt von Preußen abwandte und ein Bündnis mit Frankreich schloss. Damit war auch das Schicksal Ostpreußens entschieden. Mit dem Frieden von Tilsit unterschrieb der preußische König ein für Ostpreußen schlimmes und folgenreiches Dokument. Der Landgewinn aus den polnischen Teilungen ging verloren, Ostpreußens alte Grenzen blieben aber unversehrt und da Westpreußen bei Preußen blieb - wenn auch ohne Danzig, das Freistaat wurde, und ohne Thorn - hatte die Provinz sogar die Verbindung zum restlichen Königreich behalten. Schlimmer für Ostpreußen war, dass es bis Ende 1808, 1½ Jahre lang, ganz und gar von den Franzosen besetzt wurde, 8000000  Franken Kontribution zahlen musste (Königsberg zahlte noch bis 1901, 94 Jahre!) xii , und die Verpflegung und Unterkunft für das französische Heer zu tragen hatte. Während der Besatzungszeit kam es zu Plünderungen, besonders auf Vieh und Vorräte, Geld und Kostbarkeiten hatten es die Soldaten abgesehen, Häuser und Scheunen wurden abgerissen, um Heizmaterial zu bekommen. In Osterode wurde eine ganze Vorstadt mit 95 Scheunen und 20 Wohnhäusern abgerissen, um die Armeebacköfen mit Holz zu versorgen. xiii Auch Gewalttaten geschahen, gegen die sich die Einwohner mit einem regelrechten Kleinkrieg wehrten. Die unheimliche Geschichte vom Salksee bei Peterswalde stammt aus dieser Zeit. Dort ermordeten Bauern 19 - anderen Unterlagen zufolge sogar 27 - französische Soldaten. Danach hieß dieser See Franzosensee. xiv

Die Kontinentalsperre legte zusätzlich den wichtigen Handel zwischen Königsberg und England lahm und zu aller Not kam noch eine furchtbare Viehseuche, die fast den ganzen Viehbestand Ostpreußens dahinraffte, Der einstige zufriedene Wohlstand war dahin, die Bevölkerung, besonders auf dem Land, verarmte wieder einmal. Das Königspaar blieb noch bis Dezember 1809, dem Rnde der Besatzungszeit, in Königsberg und bewirkte durch sein Vorbild an Schlichtheit und Tugendhaftigkeit, dass bei der ostpreußischen Bevölkerung eine vaterländische Gesinnung entstand. Einen großen Anteil hieran hatte sicherlich die schöne, kluge Königin Luise, die aber schon 1810 starb.

Wenn auch die Besatzungszeit vorbei war, konnte die Bevölkerung dennoch nicht aufatmen. Eine schwere Missernte 1811 und ein Großbrand in Königsberg verhinderten eine wirtschaftliche Erholung.

Anfang 1812 nötigte Napoleon den Preußen ein neues Bündnis auf, das darin bestand, der "Grande Armee" 10 000 Mann an Hilfstruppen für den großen Feldzug gegen Russland zur Verfügung zu stellen. Zum Glück für diese Soldaten sollten sie nur vom Baltikum aus die Flanke der Franzosen schützen. Nach der Katastrophe des Russlandfeldzugs schloss der preußische General Yorck Ende des Jahres mit den Russen eigenmächtig ein Neutralitätsabkommen - die berühmte Konvention von Tauroggen - sehr zum Unwillen König Friedrich Wilhelms III. Widerwillig und zögernd verließ der König den Boden der Neutralität und verbündete sich mit Russland und später zum Dreibund noch mit Österreich. Als sich dann noch England und Schweden anschlossen, gelang schließlich die Befreiung von Napoleon.Während dieser ganzen Jahre waren aber in Preußen die Reformer am Werk, in erster Linie Stein, Hardenberg und Humboldt. Bei den Reformen ging es um die Bauernbefreiung, die Neuordnung der Verwaltung, die Städteordnung und die Neugestaltung der Universitäten, der höheren Schulen und der Volksschulen.

Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze: Aufhebung der Erbuntertänigkeit der Bauern, Selbstverwaltung der Städte durch Magistrate und Stadtverordnetenversammlungen, Unterricht in den Volksschulen auf Grund von "Anschauung" nach den Ideen Pestalozzis.

Zu den Reformen, die die Schulen und die Ausbildung der Lehrer betraf, hier etwas ausführlicher: Die Lateinschulen, die es in den größeren Städten gab, und die den Nachwuchs für die Universitäten ausbilden sollten, erforderten schon immer den studierten Lehrer. In den Kirchdörfern übernahmen die Pfarrer oder Kantoren oft die Aufgabe, den Kindern Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen beizubringen. Anders sah es aus, als der Soldatenkönig und später Friedrich der Große die Bildung für das allgemeine Volk förderten. So schrieb Friedrich der Große 1779 an seinen Minister:

"Sonsten ist es auf dem platten Land genug, wenn sie ein bisgen lesen und schreiben lernen; wissen sie aber zu viel, so laufen sie in die Städte und wollen Sekretairs und so was werden; deshalb muss man auf'n platten Lande den Unterricht der Leute so einrichten, dass sie das Notwendigste, was zu ihrem Wissen nötig ist, lernen, aber nach der Art, dass die Leute nicht aus den Dörfern weglaufen, sondern hübsch bleiben." xv

Für diese Art Lehrer brauchte man keine studierten Leute - man hatte sie nicht und man hätte sie nicht bezahlen können - es reichte aus, wenn der Lehrer schreiben, lesen, ein wenig rechnen und einen Choral singen konnte.. Dafür bekam er ein Stübchen zum Wohnen, ein kleines Deputat (eine bestimmte Menge z.B. an Getreide, Erbsen, Holz zum Heizen) und ein paar Mark Bargeld. Aus dem Jahr 1729 gibt es ein Protokoll einer pommerschen Dorfschullehrerwahl, das man wohl auch auf Ostpreußen übertragen kann. Dort meldeten sich für die vakante Schulmeisterstelle ein Schuster, ein Weber, ein Kesselflicker und ein Unteroffizier . Ausgewählt wurde als de "kapabelste" der 50-jährige Weber Jakob Maehl:

"Hat gesungen: a) O Mensch, bewein dein....; b) Zeuch ein zu deinen Thoren...; c) Wer nur den lieben Gott läßt...; doch Melodie ging ab in viele andere Lieder, Stimme sollte stärker sein, quekte mehrmalen, so doch nicht sein muß. Gelesen Josua 19, 1-7 mit 10 Lesefehlern; buchstabirte Josua 18, 23-26 ohne Fehler. Dreierlei Handschriften gelesen - schwach und mit Stocken; drei Fragen aus dem Verstand, hierin gab es Satisfaction. Aus dem Catech. den Decalog und die 41. Frage recitirt ohne Fehler; dictando drei Reihen geschrieben - 5 Fehler; des Rechnens auch nicht kundig." xvi

Auf Grund der Reformen im Volksschulbereich, die Wilhelm von Humboldt durchsetzte, entstanden ab 1810 12 Lehrerseminare in Ostpreußen ( u.a. bestanden Karalene, zwischen Insterburg und Gumbinnen, von 1811-1925, Angerburg 1829-1924, Ortelsburg 1866-1920 und Osterode 1870-1926) xvii und zusätzlich sogenannte Präparandenanstalten, die die zukünftigen Seminaristen vorbereiten sollten. Die Bildung des Volkes auf dem Lande wurde dadurch entscheidend verbessert und das Ansehen der Lehrer stieg.  

Als  Ergebnis des Wiener Kongresses entstand der Deutsche Bund als einer der Nachfolger des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das 1806 unter dem Druck Napoleons aufgehört hatte zu bestehen, als der Habsburger Franz II. die deutsche Kaiserkrone niedergelegt hatte. Die drei östlichen Provinzen Ost- und Westpreußen sowie Posen gehörten diesem Bund allerdings nicht an xviii . Erst 1848 stellte Preußen im Bundestag den Antrag, diese Länder in den  Bund aufzunehmen und ihnen zu gestatten, Vertreter in das Parlament nach Frankfurt zu entsenden, was auch beschlossen wurde. Aber schon 1851 trat die Provinz auf Antrag ihres Gesandten Bismarck wieder aus dem Deutschen Bund aus. xix

In diesen Jahren lebte man in Ostpreußen ein Sonderleben: Verkehrstechnisch war man isoliert, denn eine Bahnverbindung nach Ostpreußen existierte noch nicht. 1853 wurde Königsberg ans Eisenbahnnetz angeschlossen, 1860 erreichte man die Ostgrenze in Eydtkuhnen.

Die 1815 von König Friedrich Wilhelm III. versprochene landständische Verfassung war 1823 verwässert worden zu einer nur beratenden Versammlung der Provinzialstände, aber Kritik wurde in Ostpreußen nur dezent und in Ergebenheit vor dem König geäußert. Ostpreußen blieb im Grunde ein ständisch gegliedertes Land und eigenbrötlerisch. Immer noch nahm es wegen ihres Glaubens Verfolgte auf. So erlaubte 1830 Friedrich III. den Philipponen, Angehörigen einer aus Russland vertriebenen Sekte, sich anzusiedeln - so entstanden u.a. Eckertsdorf, Peterhain, Nikolaihorst. Wenn sich die Philipponen sich auf unkultiviertem Boden ansiedelten, brauchte die erste Generation keinen Kriegsdienst zu leisten, was den Verfolgten entgegenkam, denn sie hatten in Russland u.a. deswegen Schwierigkeiten gehabt. Sie verweigerten nicht nur den Kriegsdienst, sondern Eidesleistungen insgesamt, ließen Taufen und Todesfälle nicht registrieren und - was am meisten Ärger gab - erkannten die Ehe nicht an. Wollte z,B. ein junger Mann heiraten, so holte er sich seine Erwählte heimlich aus dem Haus - bald auch aus christlichen Dörfern der Umgebung. Als sie mit diesen Sitten auch in Preußen nicht durchkamen, zogen viele von ihnen weiter, eine kleine Zahl passte sich an und blieb. xx

Man genoss die friedliche Zeit, während Europa in Aufruhr war:

  • das Vereinigte Königreich Niederlande zerbrach
  • das neue Königreich Belgien erhielt die modernste Verfassung des Kontinents
  • in England wurde nach heftigen Kämpfen eine Parlamentsreform durchgeführt
  • in Polen erhob sich das Volk gegen die russische Herrschaft
  • in Portugal musste der König das Land verlassen
  • innerhalb des Deutschen Bundes entstanden in Sachsen, Hannover, Kurhessen und Braunschweig neue Verfassungen
  • die Fürsten des Deutschen Bundes reagierten mit Zensurbeschlüssen und Zeitschriftenverboten

In Ostpreußen blieb es ruhig.

 König Friedrich-Wilhelm IV.png 1840 war wieder einmal ein Königswechsel, Friedrich Wilhelm III. starb und sein Sohn Friedrich Wilhelm übernahm die Herrschaft.Im Gegensatz zu seinem Vater liebte er es, Reden zu halten und tat dieses auch häufig. Er war wie seine Vorgänger vom Gottesgnadentum des Herrschers überzeugt, allerdings war er kein Despot, weil er andererseits glaubte, dass er einst Rechenschaft über sein Handeln würde abgeben müssen. Der liberale Adel Ostpreußens bat Friedrich Wilhelm IV. bei seiner Huldigung in Königsberg 1840 einstimmig um die Einführung einer Verfassung. Aber man hatte sich in ihm geirrt, der König wies das Begehren zurück. Erst 7 Jahre später - das Grollen der Revolution war inzwischen unüberhörbar - berief er schließlich einen "Vereinigten Landtag" nach Berlin ein, sagte aber schon in der Eröffnungsrede, dass keine Macht der Erde ihn dazu zwingen werde, dieses zu einer Dauereinrichtung zu machen. Da der Vereinigte Landtag sich "unbotmäßig" zeigte, wurde er wieder aufgelöst und als der König ihn 1848 wieder einberufen wollte, war es zu spät, es wurde ihm als Schwäche ausgelegt und in Berlin brach die Revolution aus.

 

Prinz Wilhelm, Bruder des Königs und späterer Kaiser Wilhelm I., wollte "durchgreifen", um Herr der Unruhen zu werden, musste dann aber vor den Aufständischen nach London fliehen. Er tat das unter dem Namen "Lehmann" und die Berliner haben noch Jahre später bei seinem Erscheinen gesagt: "Da kommt Lehmann!"

Der König jedoch lenkte ein, ließ die Truppen aus Berlin abziehen, erwies den 140 Toten auf dem Gendarmenmarkt die letzte Ehre, unterwarf sich in seinen Augen dem aufständischem Volk, nahm damit aber dem Aufstand die Spitze. Am 5.12.1848 verkündete er eine Verfassung für Preußen, aber die deutsche Kaiserkrone, die ihm angeboten wurde, nahm er nicht an. "Die Sache.... mache ich mit meine Gleichen ab."

 Ablehnung der Kaiserkrone.png

In Ostpreußen vollzog sich nach 1848 ein Wandel. Bis dahin hatte der Liberalismus vorgeherrscht, Führer waren großgrundbesitzende Adelige gewesen, jetzt, nach der Revolution, wurde das Land zu einer Hochburg der Konservativen. xxi Die Revolution in Berlin galt hier größtenteils als Schand- nicht als Heldentat.

Die Wirtschaft begann aufzublühen, seit 1847 durften auch landwirtschaftliche Kleinbetriebe Kredite aufnehmen um neue Geräte oder mehr Vieh zu kaufen. Die Dreifelderwirtschaft, Relikt aus dem Mittelalter, machte der Fruchtwechselwirtschaft Platz, die landwirtschaftlichen Erträge stiegen und Ostpreußen wurde zum Lieferanten für landwirtschaftliche Produkte. Arbeit gab es auf dem Land jetzt auch außerhalb bäuerlicher Betriebe, denn es wurde viel gebaut: Chausseen (auch Masuren erhielt jetzt die ersten Teerstraßen), Eisenbahnlinien, Deiche an Weichsel und Nogat und Festungen. Der allgemeine Wohlstand stieg kontinuierlich.

1857 erlitt Friedrich Wilhelm einige Schlaganfälle und wurde daraufhin regierungsunfähig. Da seine Ehe kinderlos geblieben war, wurde sein Bruder Wilhelm - der "Lehmann" von 1848 - zunächst Regent und 1861 König Wilhelm I. von Preußen, auch er ein Sohn der geliebten Königin Luise, der "Prinz von Preußen", der die besondere Verbindung des Königshauses mit Ostpreußen verkörperte.

Bald danach schob sich Otto von Bismarck vor die Gestalt des Königs und bestimmte die Richtlinien der Politik.

Otto von Bismarck.png

Es gelang ihm, den König davon abzuhalten, am Fürstentag in Frankfurt teilzunehmen, zu dem Österreich gerufen hatte, um den Deutschen Bund mit neuem Leben zu füllen. Ohne Preußens Teilnahme passierte dort nichts, man trennte sich ohne Ergebnisse. Noch einmal taten sich Österreich und Preußen zusammen, als es darum ging, Dänemark daran zu hindern, sich Schleswig-Holstein einzuverleiben. Gemeinsam besiegte man die Dänen auf den Düppeler Schanzen. Dieser Krieg berührte Ostpreußen nur wenig, kaum einer war eingezogen worden und der Kriegsschauplatz war weit entfernt. Aber als "der Junker" (Bismarck) 1866 gegen Österreich Krieg führte, war die Bevölkerung eher verwirrt. "Österreich, der beste Bruder - nun hauen sie sich?" xxii fragte man sich und nur ungern stellte man sich zur Musterung. Die Siege und die anschließende Milde gegenüber dem Verlierer Österreich veränderte schließlich die abfällige Meinung über Bismarck.

 

 


Fußnoten

i Schumacher, S, 205

ii Schumacher, S. 202

iii Schumacher S. 209

iv Haffner, S. 153

v Haffner, S. 169

vi Haffner, S. 172

vii Haffner, S. 207

viii Schumacher, S. 236

ix AF 7, S. 241

x AF 7, S. 240

xi AF 7, S. 255

xii Schumacher, S. 288

xiii APF 7, S. 268

xiv APF 7, S. 268

xv Münch, S. 3

xvi Münch, S. 100 und 101

xvii APG 1989, S. 310

xviii Schumacher, S. 270

xix Schumacher, S. 279

xx Aweyden, S. 25 und 26

xxi Schumacher, S. 273

xxii Bürger, S. 254

 

 

 

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