Sie sind hier: Willkommen kurze Geschichte Preußens Die Besiedlung des Landes
Benutzerspezifische Werkzeuge

Die Besiedlung des Landes

Gleich nachdem der Deutsche Ritterorden die ersten Landstriche im Westen des Landes erobert hatten, bauten die Brüder die sog. festen Häuser, zunächst aus Holz, später aus Stein, in möglichst gleichen Abständen voneinander. Sehr schnell siedelten deutsche Handwerker im Schutz der Ordensritter, eröffneten Kaufleute  aus den Handelsstädten in Deutschland Niederlassungen. Sie wollten sich selber um ihre Handelsware kümmern und behielten natürlich Kontakt zu ihren Kontoren zu Hause. So entstanden um diese Ordenshäuser kleine Städtchen, "Lischken". Nicht alle Kaufleute blieben auf Dauer im Osten, aber bei denen, die sich dauerhaft dort niederließen, blieben die Verbindungen in die alte Heimat bestehen, wie viele Testamente beweisen, in denen man Verwandtschaftslinien verfolgen kann, wenn man liest, wie genau Erbschaften über die weiten Entfernungen hinweg geregelt wurden.

Die Besiedlung geschah sehr planmäßig. Verdiente Mitstreiter während der Eroberungskämpfen wurden mit größerem Landbesitz belohnt, alle diese lagen in den vor Überfällen der Prußen sicher erscheinenden Gebieten Pomesaniens und Warmiens. i Zur Versorgung der Menschen mit Getreide - Roggen und Hafer, sowie Gerste zum Bierbrauen - und etwas Gemüse, dazu mit Hühnern und Gänsen, wurden in der Nähe der Ordenshäuser Vorwerke (später Domänen genannt) angelegt. Die ersten deutschen Bauerndörfer wurden ab ca. 1265 gegründet. ii  Einem Lokator, einem vertrauenswürdigen und wohlhabenen Mann wurden zwischen 30 und 60 Hufen (1 Hufe enstsprach ca. 17 ha) Land verliehen, die er in Bauernstellen zu je 2 Hufen aufteilte und auf eigenes Risiko und eigene Kosten mit Bauern, wahrscheinlich bevorzugt mit Leuten aus seiner alten Heinat, besetzte. Ihm selber wurde normalerweise 10 % des Landes als Eigentum zu Kulmer Recht verliehen, dazu das erbliche Schulzenamt mit niederer Gerichtsbarkeit und deren Einkünften und oft auch noch die Kruggerechtigkeit, d.h. die Berechtigung des Bierausschanks und der Verkauf von Gütern des täglichen Bedarfs. Diese Lokatoren wurden wegen der Verleihung nach Kulmer Recht später Köllmer/Cöllmer genannt.

Aber kaum ein Besitz dieser frühen Zeit überdauerte die Prußenaufstände, die eigentliche Besiedlung fand erst statt, als die Ordensherrschaft gesichert war, in den 80-iger Jahren des 13. Jahrhunderts. Das System der Besiedlung blieb während der ganzen Ordenszeit gleich und bestand im Wesentlichen daraus, zunächst eine Burgenkette anzulegen, und dann im Schutz dieser Ordenshäuser auf drei unterschiedliche Arten das Land zu kolonisieren:

  • Große Güter für rittermäßige Leute, die Kriegsdienste mit mehreren gepanzerten Rittern zu leiste hatten. Auf diesen Gütern waren die dort angesetzten Bauern von dem jeweiligen Besitzer abhängig.
  • Mehrere kleine Freie erhielten meist zusammenliegende Grundstücke  verliehen, die dann zu sogenannten Freiendörfern wurden. Die kleinen Freien hatten entsprechend ihrer Besitzgröße Kriegsdienst zu leisten.
  • Lokatoren gründeten Zinsdörfer, deren Bauern nicht nur Steuern zu zahlen hatten, sondern darüber hinaus für die Domänen des Ordens sogenanntes Scharwerk leisten mussten, das aus unterschiedlichen Dienstleistungen wie Pflügen, ernten, mähen, Transporte übernehmen, Holz schlagen u.ä. bestand und an einer bestimmten Anzahl von Tagen pro Jahr zu leisten war. Die Aufsichtspflicht für das Scharwerk hatte der Schulz des Dorfes, der außerdem im Kriegsfall Pferde für die Waffenwagen zu stellen hatte. 

Sofern nicht brachliegende Äcker der Prußen vorhanden waren, wurde nicht urbar gemachte Land vergeben. An Hand der Verleihungsgröße und gewährten Freijahren, für die keine Abgaben geleistet werden mussten, kann man erkennen, zu welcher Kategorie der Besitz gehörte. Wenn auf altem Prußenland ein neues deutsches Dorf gegründet wurde, erhielten die Bauern nur wenige oder gar keine Freijahre, da sie das Land ja nicht roden mussten. Prußische Dorffluren hatten außerdem selten mehr als 30 Hufen, während neu aufgelassenen Dörfer in der Regel 50 bis 60 Hufen aufwiesen.

Wenn es in älteren oder auch neueren Berichten heißt, der Orden habe die Prußen ausgerottet, so stimmt dieses nicht mit den Aussagen der Akten überein, die ich inzwischen gelesen habe und die Eroberer, wie üblich, nicht zimperlich waren, wenn es Widerstände gab. Einige Gebiete besonders im Süden des Landes, (wie z.B. das Sassenland, u.a. im Kreis Osterode) waren schon vor Ankunft des Ordens nur sehr schwach besiedelt, viele Prußen wurden während der Eroberungskämpfe getötet, andere zogen nach der endgültigen Niederlage weiter nach Osten, nach Litauen, weil sie nicht christlich werden wollten oder sich nicht unterwerfen wollten, aber viele blieben auch in ihren Dörfern und eine große Anzahl von Verleihungsurkunden, auch für große Grundstücke, sind an Prußen ausgegeben worden. Besonders im nördlichen Teil der Kreise Gerdauen und Rastenburg gab es viele prußische Dörfer und Güter prußischer Edler. iii

Eine Ausrottung hat es schon deshalb nicht gegeben, weil es ein großes Problem des Ordensstaates blieb, genügend Siedler anzuwerben. Aus den Akten geht hervor, dass die meisten der ersten Kolonisten aus Sachsen, Niedersachsen, Schlesien und Lübeck kamen. iv

Lübeck war der wichtigste Durchgangsort für Leute aus dem Heiligen Römischen Reich, von dort aus ging die bequemste Route per Kogge - sicher nur für damals bequem! - übers Meer nach Preußen. Der Landweg ging durch slawisches Gebiet und war viel beschwerlicher, gefährlicher und dauerte auch viel länger. Lübeck selber gehörte erst seit ein paar Generationen zum Reich, hatte sich schnell zum Handelszentrum entwickelt und war zu einem Anreiz für Leute aus den nördlichen Teilen Deutschlands geworden. Oft hatten die Familien schon ein bis zwei Generationen in Lübeck gewohnt, waren Bürger der Stadt geworden, bevor einige Mitglieder weiter nach Osten zogen.

Aber der ersten Generation von Kolonisten in Preußen folgten nicht so viele, dass es für die Besiedlung des ganzen Landes gereicht hätte. Die wichtigste Quelle für Neusiedler blieben die Söhne der ersten Siedler. An der Siedlungsstärke ist deutlich ablesbar, dass es eine Wellenbewegung in der Siedlungstätigkeit gab, ca. alle 30 Jahre wurden vermehrt Dörfer gegründet. Das lässt im Zusammenhang mit den Familiennamen der Beliehenen den Schluss zu, dass erst nach einer Generation wieder Neusiedler da waren. v Es ist nicht anzunehmen, dass das wiederholte Auftreten derselben Familiennamen zu der damaligen Zeit, als Familiennamen noch kaum üblich waren, zufällig ist. Es wird sich wohl um Mitglieder derselben Familien gehandelt haben, die neue Siedlungen gründeten. In Ausnahmefällen gründete sogar ein und derselbe Mann nacheinander mehrere Dörfer - bekannt ist dieses bei Heinrich Padeluche, der nacheinander Podlechen (das er 1315 weitergab), Medien (1320), beide im Gebiet um Mehlsack, Schippenbeil und Rastenburg gründete.

Die Einwanderer brachten Techniken mit, die den Prußen vorher unbekannt waren, so z.B. das Sägen und Tuchewalken mit Hilfe von Wassermühlen, denn die Prußen kannten nur die Handmühlen zum Mahlen kleinerer Mengen Getreide. Sie brachten auch den Scharpflug mit, der den für die Bearbeitung von schweren Böden nicht geeigneten Hakenpflug ablöste und führten die Dreifelderwirtschaft ein. Die Eindeichung der Weichsel erlaubte das Urbarmachen von feuchten Niederungen durch Drainagen und damit die Feldbestellung der fruchtbaren Weichsel- und anderer Flusslandschaften. 


Fußnoten

i Kasiske, S. 150

ii Krollmann, S. 6

iii Gerdauen, S. 9-37

iv Krollmann

v Kasiske, S. 155

Artikelaktionen