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Im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918

Kaiser Wilhelm I.png

Der Krieg gegen Frankreich 1870/71 wurde in Ostpreußen anfangs nicht mit Begeisterung aufgenommen, aber als dann Siegesmeldungen über Siegesmeldungen eintrafen, schlug die Stimmung um. Jetzt wurde gefeiert, jetzt fühlte man sich eins mit dem Rest des Landes und als am 18.1.1871, auf den Tag genau 170 Jahre nach der ersten Königsberger Krönung "ihr" König zum Kaiser Deutschlands proklamiert wurde, nahm der Jubel der Ostpreußen kein Ende. Ein preußischer König erfüllte die Sehnsucht aller Deutschen nach einem geeinigtem Reich!

Allerdings war man jetzt nur noch ein Teil eines Teiles innerhalb des Reichs, nur noch ein Teil Preußens, das selber nur ein Teil des Deutschen Reiches war. Seit 1870 konnte jedermann innerhalb des Reiches seinen Wohnsitz frei wählen, konnte vom Land ind die Stadt, von einem Land des Reiches in ein anders ziehen. Da Ostpreußen - wohl das erst mal in seiner Geschichte - einen Bevölkerungsüberschuss hatte, zogen viele in den Westen, hauptsächlich ins Ruhrgebiet, wo Bergbau und Industrie gute Verdienstmöglichkeiten boten.

Zu der Politik des einigen Reiches gehörten auch Erlasse wie der vom 24.7.1873, der Deutsch als alleinige Unterrichtssprache (mit Ausnahme des Religionsunterrichts) in den Schulen  und der vom 27.1.1877, der Deutsch als alleinige Geschäftssprache der Behörden und Beamten verfügte.

Diese beiden Entscheidungen betrafen besonders das Verhältnis der Ostpreußen zu den Polen. Jahrhundertelang gab es keine Probleme mit Nationalitätenfragen, jetzt lagen die Dinge anders: In Polen, das nach 3 Teilungen von der Landkarte verschwunden war, hatte sich seit der französischen Revolution der Funke nationaler Identität entzündet. 1863 kam es zu einem Aufstand des polnischen Volkes gegen die russische Herrschaft. Nach dem Zusammenbruch dieses Aufstandes versuchten die polnischen Nationalisten ihre Propaganda-Arbeit von Posen aus auf West- und Ostpreußen und Schlesien auszudehnen, da dort viele Menschen polnisch sprachen - im Südosten Ostpreußens z.B. das altertümliche polnische Masurisch. Den evangelischen Masuren Ostpreußens war während der Jahrhunderte der Zugehörigkeit zu Preußen niemals gewaltsam Sprache oder Eigenart genommen woorden, sie fühlten sich als Deutsche, nicht als in ihrem Volkstum bedrohte Polen und wollten nichts mit den katholischen Polen zu tun haben. Fürs erste mussten sich die Polen zufrieden geben, obgleich der polnische Freiheitskampf für die Wiederherstellung eines Staates unter den Liberalen in ganz Europa viele Anhänger hatte.

Während dieser Zeit baute man weitere Eisenbahnlinien (selbst Masuren erhielt Eisenbahnanschluss), weitere Straßen, sodass die meisten Orte auf festen Straßen erreicht werden konnten. 1901 wurde der Krönung des ersten Königs festlich gedacht, Orden wurden verliehen an die Landbesitzer, die es auch schon 1701 besessen hatten. Es war wieder einmal eine friedliche Zeit im fernen Ostpreußen. Nach dem Tod des alten Kaisers 1888 war sein Sohn Friedrich III., verheiratet mit der ältesten Tochter Königin Victorias von England, nach nur 99-tägiger Regierungszeit an Kehlkopfkrebs ebenfalls gestorben und dessen Sohn Wilhelm war der dritte Kaiser des Jahres 1888. 

                  Kaiser Friedrich III.pngKaiser Wilhelm II.png

In Königsberg hatte man die Wasserstraße nach Pillau vertieft und den Innenhafen ausgebaut, was dem Handel sehr zustatten kam. 1905 waren viele Vororte Königsbergs eingemeindet worden und man empfand die Stadtmauer als zu eng. 1913, im Jahr der 100-Jahr-Feier der Freiheitskriege und des 25-jährigen Regierungs-Jubiläums des "Friedenskaisers Wilhelm II., begann man schließlich mit der "Entfestigung", die Stadt konnte sich ausdehnen und die Vorstädte, wie z.B. Tragheim, richtig eingliedern.

Dann kam der 1. Weltkrieg. Nur kurz zur Erinnerung: Zündfunke in dieser kriegsschwangeren Zeit war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers und seiner Frau am 28.6.1914 durch einen serbischen Extremisten. Österreich versicherte sich der Bündnistreue Deutschlands, stellte Serbien ein Ultimatum, Vermittlungsversuche scheiterten, darauf erklärte Österreich Serbien den Krieg. Bis Mitte August hatten sich folgende Länder verbündet: Auf der einen Seite Österreich/Ungarn, Deutschland und die Türkei - auf der anderen Serbien, Russland, Frankreich, England, Belgien und Japan.

Der Plan der deutschen Heeresleitung war, den Krieg gegen Frankreich möglichst schnell zu beenden, um danach alle Kräfte gegen Russland einsetzen zu können und hatte deswegen allein sieben Armeen im Westen zusammengezogen, für den Schutz Ostpreußens dagegen nur eine bereitgestellt. Schon Anfang August überschritten zwei russische Armeen die ostpreußischen Grenzen, vom Osten her die Njemen-Armee und von Süden die Narew-Armee. Am 2. August, so meldete das "Wolff'sche Telepgraphen-Bureau", überschritt eine stärkere russische Kolonne die Grenze bei Schwiddern südlich von Bialla und zwei Schwadronen Kosaken ritten in Richtung auf Johannisburg. Am 8. und 9. kamen Meldungen über Angriffe russischer Infanterie und Kavallerie bei Eydtkuhnen und Schmalleningken östlich von Tilsit i. Am 17. August kam es zu einem größeren Gefecht bei Stallupöhnen, das nach amtlicher Version siegreich beendet werden konnte. Allerdings war das nur eine Atempause. Berlin meldete am 23. August 1914:

"Starke russ. Kräfte gehen gegen die Linie Gumbinnen-Angerburg vor. Das 1. Armee Korps griff am 20.8. den erneut auf Gumbinnen vorgehenden Feind an und warf ihn. Dabei wurden 8000 Gefangene gemacht und 8 Geschütze erbeutet. Von einer bei dem Armee Korps befindlichen Kavalleriedivision war längere Zeit keine Nachricht da. Die Division hatte sich mit 2 feindlichen Kav.div. herumgeschlagen und traf gestern wieder bei dem 1. Arm K. ein mit 500 Gefangenen. Weitere russische Verstärkungen gehen nördlich des Pregel und südlich der masurischen Seenlinie vor. Über das weitere Verhalten unserer Ostarmee muss noch Schweigen bewahrt werden, um dem Gegner unsere Maßnahmen nicht vorzeitig zu verraten."   ii

Nur einen Tag später musste der Generalquartiermeister v. Stein folgende Depaesche verfassen:

"Während auf dem westl. Kriegsschauplatz die Lage des deutschen Heeres durch Gottes Gnade eine unerwartet günstige ist, hat auf  dem östlichen Kriegsschauplatz der Feind deutsches Gebiet betreten. Starke russ. Kräfte sind in Richtung Angerapp und nördlich der Eisenbahn Stallupöhnen-Insterburg vorgedrungen. Das 1. Armee Korps hatte den Feind im siegreichen Gefecht bei Wirballen aufgehalten [....] Die weiter südlich kämpfenden Truppen stießen teils auf Befestigungen, die ohne Vorbereitung nicht genommen werden konnten, teils befanden sie sich in siegreichem Fortschritt. Da geht die Nachricht ein vom Vormarsch weiterer feindlicher Kräfte aus Richtung des Narews gegen die Gegend südwestlich der masurischen Seen. Das Oberkommando glaubte hiergegen Maßnahmen treffen zu müssen und zog seine Truppen zurück. Die Ablösung vom Feind erfolgte ohne Schwierigkeit. Der Feind folgte nicht. Die auf dem östlichen Kriegsschauplatz getroffenen Maßnahmen müssen zunächst durchgeführt und in solche Bahnen gelenkt werden, dass eine neue Entscheidung gesucht werden kann. Diese steht unmittelbar bevor.Der Feind hat die Nachricht verbreitet, dass er vier deutsche Armee Korps geschlagen habe. Diese Nachricht ist unwahr. Kein deutsches Armee Korps ist geschlagen. Unsere Truppen haben das Bewusstsein des Sieges und Überlegenheit mit sich genommen. Der Feind ist über die Angerapp bis jetzt nur mit Kavallerie gefolgt. Längs der Eisenbahn soll er Insterburg erreicht haben.

Der beklagenswerte Teil der Provinzen, die dem feindlichen Einbruch ausgesetzt sind, bringt diese Opfer im Interesse des ganzen Vaterlandes; man soll sich dessen nach erfolgter Entscheidung dankbar erinnern"   iii

Diese verklausulierte Meldung bedeutete nichts anderes, als das die Russen das Land überfluteten und die Grenzbevölkerung ihre Dörfer fluchtartig verließ. Der deutschen Truppenführung im Osten, Generaloberst v. Prittwitz, der sich entschlossen hatte, bis zum durch den Festungskette besser gesicherten Weichseltal zurückzuweichen, bekam diese Entscheidung schlecht, er wurde sofort abgesetzt und Hindenburg und Ludendorff eilends an die Ostfront geschickt. Es gelang ihnen, in der berühmten Schlacht von Tannenberg (26.-30.1914) zunächst die Narew-Armee und vom 6.-15.9.1914  in der Schlacht bei den Masurischen Seen die Njemen-Armee zu besiegen. Anfang Oktober unternahmen die Russen erneut eien Angriff auf Ostpreußen. Wieder mussten viele Menschen flüchten. Die Kämpfe zogen sich den ganzen Winter über hin, die deutsche Verteidigungslinie zog sich von Memel über Gumbinnen, Angerburg längs der Seenkette bis Rudczanny, von dort westwärts bis Soldau und dann in südlicher Richtung bis zur Weichsel. iv In den Depeschen vom November hieß es wiederholt: "In der Gegend von Soldau und Neidenburg dauern die Aktionen an..." Erneute Flucht der Menschen waren jedesmal die Folge. Schließlich kam es zur Winterschlacht in Masuren vom 7.-22.2.1915 und danach war Ostpreußen frei vom Feind und die geflüchteten konnten in ihre zum großen Teil verwüsteten Dörfer zurückkehren. Viele von ihnen hatten drei bis vier mal ihre Häuser und Höfe verlassen müssen und sich wochenlang z.T. unter freiem Himmel aufhalten müssen.

Anders als im 2. Weltkrieg war Ostpreußen im 1. Weltkrieg die einzige Provinz Deuschlands, die den Feind im Land und große Kriegsschäden hatte. Gleich 1914 stellte der preußische Staat 400 Millionen Mark für Entschädigungen zur Verfügung und von Berlin kam ein kaiserlicher Erlass:

"...der Mir unterbreiteten Vorschläge zur Linderung der Meiner treuen Provinz Ostpreußen durch den Einfall russischer Truppen verursachten Not genehmigen, dass unverzüglich die zur Feststellung der Kriegsschäden erforderlicchen Maßnahmen getroffen und mit Hilfe der von Meinem Finanzminister bereitgestellten Mittel den geschädigten Bewohnern der Provinz einstweilen die Führung ihres Haushalts, Wirtschafts- und Gewerbebetriebes ermöglicht werde..."  v

Im Reich wurde für die "Schützer des Deutschen Reiches" Spenden gesammelt, sodass die schlimmsten Schäden bald behoben werden konnten. Allerdings fielen die Ernten 1915 und 1916 extrem schlecht aus - besonders die Kartoffelernte. Das lag an der schlechten Witterung, fehlenden Arbeitskräften und Mangel an Kunstdünger und der Winter 1916 ging als "Steckrübenwinter" in die Geschichte des 1. Weltkriegs ein. Die russischen Truppen betraten in dem Krieg Ostpreußen nicht mehr. 


Fußnoten

i Depeschen, Bd. 1, S. 19-39

ii Depeschen, Bd. 1, S. 53

iii Depeschen, Bd. 1, S. 55

iv Pfeiffer, S. 74

v Depeschen, Bd. 1, S. 133

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