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Im Deutschen Reich 1918 bis 1945

Der Friede 1918 brachte die Revolution, das Ende der Monarchie, ungeheure Reparationszahlungen, Arbeitslosigkeit, Notgeld und Inflation. Für Ostpreußen kamen besonders einschneidende Änderungen hinzu.

Danzig wurde Freistaat, das Memelgebiet, Westpreußen und der südliche Teil des Neidenburger Kreises um Soldau musste ohne Abstimmung an den wieder erstandenen Staat Polen abgetreten werden - damit war die Verbindung Ostpreußens mit dem Reich durch einen von Polen kontrollierten Korridor getrennt, man wohnte plötzlich in einer Enklave. Besonders hart traf das die Bauern, weil dadurch Transportwege zu den Absatzgebieten für landwirtschaftliche Produkte um mehr als das Doppelte länger geworden waren. Auch der kleine Grenzverkehr mit Polen kam fast völlig zum Erliegen, dafür begann der Schmuggel zu blühen.

Was die Bewohner Ostpreußens aber am meisten erregte, was geradezu als Trauma empfunden wurde, war, dass in den 4 rechts von Weichsel und Nogat gelegenen Kreisen Westpreußens und im gesamten südlichen Ostpreußen eine Volksabstimmung abgehalten werden musste, die darüber entscheiden sollte, ob die Bevölkerung zu Deutschland oder zu Polen gehören wollte. Allein die Tatsache, dass die Zugehörigkeit zu Deutschland in Frage gestellt wurde, löste eine Welle nationalen Gefühls aus. Bis zum Zeitpunkt dieser Volksentscheidung besetzte englisches und französisches Militär diese Gebiete. Abstimmungsberechtigt waren alle Personen männlichen und weiblichen Geschlechts, die bis zum 10.1.1920 das 20. Lebensjahr vollendet hatten und entweder dort wohnte oder dort geboren waren. Auf Grund dieser Regelung fuhren viele Ostpreußen, die in den westlichen Landesteilen arbeiteten, eigens zur Abstimmung in die Heimat. Die Erschwernisse, die Polen dem Eisenbahnverkehr durch den "Korridor" bereitete, wurde durch die Einrichtung eines "Seedienstes Ostpreußen" zwischen Swinemünde und Pillau gelöst, der ab Anfang 1920 ca. 160 000 Menschen beförderte. i

Ergebnis dieser Abstimmung vom Juli 1920 war, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung sich für den Verbleib in Deutschland entschied. In Westpreußen wurden lediglich 5, in Ostpreußen 3 Dörfer (Groschken, Kl. Nappern und Kl. Lobenstein) zu Polen geschlagen. Die 4 Kreise in Westpreußen wurden nach der Abstimmung als "Regierungsbezirk Westpreußen" Ostpreußen angeschlossen. Ein weiteres Ergebnis war, dass von nun an das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen gespannt blieb. Besonders in den südlichen Kreisen bildeten sich geheime Grenz- und Einwohnerwehren zur Verteidigung, da Deutschland ja nach dem verlorenen Krieg keine Wehrmacht mehr besitzen durfte. Waffen und Uniformen wurden bei Privatleuten versteckt. Aus diesen Einwohnerwehren setzte sich ab 1935, als Deutschland wieder die Wehrhoheit bekam, die Grenzwacht zusammen, dann natürlich in aller Öffentlichkeit. ii

Die politischen Kräfte organisierten sich, zunächst bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, die aber in Ostpreußen, wo es wenig Industrie gab, kaum Anhänger hatten. Für die Reichstagswahlen, die im Januar 1920 abgehalten werden sollten, organisierten sich Parteien. In den kommenden Jahren versuchte jedermann, irgendwie zu überleben. Schließlich kamen dann noch die Schwierigkeiten der Weimarer Republik und die Weltwirtschaftskrise dazu. Als aber 1933 Hitler von " Sieger von Tannenberg" Hindenburg als Reichskanzler vereidigt wurde, schien plötzlich alles besser zu werden. Für die masurische Bevölkerung hatten die Nazis noch ein unverhofftes Bonbon bereit; denn sie gehörten nach Hitlers Meinung überraschenderweise zum germanischen Kulturkreis, waren uralter deutscher Abstammung, durften sich abgrenzen gegen die slawischen "Untermenschen" und sich als "richtige Deutsche" fühlen.

In Ostpreußen wurden zwar keine Autobahnen gebaut, dafür aber Straßen zu fast allen Orten des Landes. Eine neue Wehrmacht wurde aufgebaut, mit ihr entstanden neue Garnisonen, die Zahl der Arbeitslosen wurde rasch kleiner, die "Kraft durch Freude"-Organisation führte den gelenkten Fremdenverkehr ein, Gaststätten und Kurhäuser wurden gebaut, die Hitlerjugend brauchte Jugendherbergen.

Deutschland wurde größer: 1938 um Österreich und das Sudetenland, 1939 um Böhmen und Mähren und das Memelland.

Ab Frühjahr 1939 schien sich etwas anzubahnen. Am 16. August hatten fast alle Männer unter 45 Jahren Einberufungsbescheide erhalten, am 23. August schloss Hitler mit Stalin den Nichtangriffspakt und forderte von Polen die Rückgabe Danzigs, sowie eine Volksabstimmung im Korridor. Ende August wurden in den masurischen Kreisen massiv Truppen zusammengezogen und am 1. September marschierten diese in Polen ein. Damit hatte der 2. Weltkrieg begonnen.

Am 27. September kapitulierte Warschau und Anfang Oktober konnte Deutschland die 1919 verlorenen Gebiete wieder eingliedern. Der Krieg war damit allerding, wie man weiß, nicht beendet, sondern fing gerade erst an. Ostpreußen blieb eine Frist von fast genau 5 Jahren, in denen Frauen, Kinder und alte Leute dort einigermaßen friedlich leben konnten, während die Männer an anderen Fronten kämpften und starben.

Im Herbst 1940 erschien ein Kommando der Organisation Todt in Rastenburg, angeblich, um am nahegelegenen Bahnhof Görlitz die Chemischen Werke Askania anzulegen und niemand kam auf die Idee, dass hier das Führerhauptquartier entstehen sollte. iii Direkt nördlich der Bahnlinie wurden unter Tarnnetzen riesige Bunker errichtet, das Straßennetz betonniert, ein Flugplatz angelegt, die Bahnlinie für den zivilen Verkehr gesperrt, Flak- und MG-Stände errichtet und der gesamte Komplex durch Drahtverhaue, Minengürtel und Panzergräben gesichert. Vor Beginn des Russlandfeldzuges im Oktober 1941 erschien Hitler mit seinem Stab - da war es dann in Rasteburg kein Geheimnis mehr. Wenn Deutschland etwas mehr Glück gehabt hätte, wäre ein dortiger Bunker am 20. Juli 1944 sein Grab geworden.

Letzter "Oberpräsident" Ostpreußens war der ehrgeizige und brutale Gauleiter Erich Koch, der ab 1942 Reichsverteidigungskommissar für die Provinz Ostpreußen war. Danach hatte er für den gesamten "Ostwall" von Memel bis Warschau den Oberbefehl. Auf Grund seiner "Erich-Koch-Aktion" wurde ab 1944 mit dem Bau von kleinen Bunkern (diese Einmann-Bunker hießen im Volksmund "Koch-Töpfe"), Panzergräben und Verteidigungsgräben begonnen. Leider hatte keine dieser Anlagen auch nur irgendeinen militärischen Wert, weil niemand da war sie zu besetzen. Koch war es auch zuzuschreiben, dass Ostpreußen beim Anrücken der russischen Front nicht rechtzeitig geräumt wurde, weil er von "vorübergehenden Zuständen" sprach. Jeder, der Evakuierungspläne auch nur erwähnte, wurde zum "Defaitisten".

Der Vorstoß der sowjetischen Armeen auf Ostpreußen im Sommer 1944 veranlasste die Heeresführung, die östlichen Teile Ostpreußens von der Zivilbevölkerung zu räumen, um freie Straßen für die Truppen zu haben.. Erst Anfang August erlaubte Erich Koch endlich die Evakuierung der Kreise Treuburg, Lyck und Johannisburg. iv

Am 16 Oktober 1944 begann die russische Armee auf einer Breite von 144 km die Großoffensive auf Ostpreußen, die deutschen Truppen mussten zurückweichen und Gauleiter Erich Koch musste sich dazu durchringen, einen weiteren, 30 km von der Front entfernten Streifen - auf der Linie Kurisches Haff, Insterburg, Angerburg, Lyck - zu räumen.

Trotz der kritischen Situation wurden Ende des Jahres 1944 und Anfang Januar 1945 mehrere Divisionen aus Ostpreußen abgezogen und an die Rheinfront verlegt. Als dann ab dem 12 .Januar 1945 die russischen Truppen auf breitester Front von Osten und von Süden nach Ostpreußen und ins Weichseltal vorstießen, Ostpreußen damit abschnürten, konnten die wenigen deutschen Soldaten ihnen nicht standhalten. Nach wie vor widersetzte sich Erich Koch der Räumung ganz Ostpreußens.

Am 18. Januar erreichten die russischen Truppen die Stadtgrenze von Soldau, am 19. Neidenburg, am 23. Elbing und an 31. Januar war Königsberg eingeschlossen. Überall kamen die Räumungsbefehle viel zu spät.

Heute sind wir Kriegskinder alt, aber wir können jetzt sowohl den polnischen als auch den russischen Teil des alten Ostpreußen ohne Probleme bereisen und das ist doch auch etwas!


Fußnoten

i Schumacher, S. 299

ii Bürger, S. 336

iii Grenz, S. 443

iv Weber, S. 144

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